Essay: Im Schatten der Freundlichkeit

Essay: Im Schatten der Freundlichkeit

Was als Smalltalk begann, endet in einem Thriller: Alejandro Leiva Wenger gewinnt mit „Leichenschmaus“ den Internationalen Autor:innenwettbewerb. Ein Stück mit großem Nachspielpotenzial. Auch die beiden anderen Stücke aus Schweden beweisen Qualitäten.

Dramatik aus Schweden? Da fällt einem aus deutscher Perspektive nicht so viel ein. August Strindberg, der große Umwälzer um 1900, wird heute selten gespielt. Lars Norén, der den Spuren der Randständigen und Ausgestoßenen folgte, ergeht es ähnlich. Vermutlich ist Schwedens in Deutschland meistaufgeführte Autorin Astrid Lindgren – mit Bühnenversionen von „Pippi Langstrumpf“, „Ronja Räubertochter“ und Co. Und Schwedens meistaufgeführter Autor Filmregisseur Ingmar Bergman.

Beim Internationalen Autor:innenwettbewerb des Heidelberger Stückemarkts, der jedes Jahr drei Dramatiker:innen des Gastlandes vorstellt, bekommt man zumindest eine Ahnung davon, dass da mehr zu holen ist für den deutschsprachigen Theatermarkt. Zum Beispiel bei Alejandro Leiva Wengers „Leichenschmaus“. Ein echtes Drama mit nummerierten Akten und Szenen, mit Szenenanweisungen und plastischen Figuren, die aber genug Raum für eigene Akzente lassen. Denn die Handlung lässt vieles im Vagen. Sackarias ist tot, und seine Mutter sucht seine Freunde zusammen für eine kleine Trauerfeier (die Übersetzung des Titels mit „Leichenschmaus“ führt da etwas in die Irre). Auch Jon ist eingeladen. Blöd nur, dass er sich überhaupt nicht an Sackarias erinnern kann. Die kleine Feier – Mutter Minna, Vater Hugo, Schwester Lethe, Jon und seine Freundin Rosmarie, dazu ein Freund namens Kujje – droht ständig aus dem Ruder zu laufen, weil hier unterdrückte Gefühle und Wahrheiten auf die Frage treffen, ob Erinnerungen manipulierbar sind (die Wissenschaft sagt ja) und wie weit wir uns auf sie verlassen können.

„Leichenschmaus“ beginnt als typisches Konversationsstück, das den oberflächlichen, tastenden Smalltalk zelebriert, der die Unmöglichkeit abzufedern versucht, sich in die Perspektive der Anderen hineinzuversetzen. Und endet im Thriller, wenn sich Minna als große Manipulatorin erweist, die Jon die Freundschaft zu Sackarias andichtet und ihn selbst zunehmend in dessen Rolle drängt – man denkt an Figuren wie der verrückte Fan Annie in Stephen Kings „Misery“.

Spannend dabei ist, wie vielfältig Leiva Wenger die Motive durchspielt, vor allem das Januspaar Fantasie und Lüge. Minna fälscht die Erinnerungen wie einst ihre Fotografien. Hugo forscht zu Regenwürmern, die durch ihre umwälzende Erdarbeit historische Erinnerung erst ermöglichen und zugleich erschweren. Jon ist derart neben der Spur, dass er sich schon an die einfachsten Dinge nicht erinnern kann (hat er sich nun für Soziologie oder Sozialpädagogik eingeschrieben?), findet aber in seiner Erinnerung (um Minna nicht zu enttäuschen) Erstaunliches über Sackarias. Auch Lethe (die Namen sind hier, nicht nur im Schwedischen, allesamt sprechend) erinnert sich an Dinge, die nie existiert haben. Kujje, der Einzige, der wirklich etwas über Sackarias zu sagen wüsste (und auch bei dessen Tod dabei war – war’s ein Unfall? Mord? Suizid?), stolpert ständig über die eigenen Worte und wird von Minna ausgebremst. Vermutlich, weil sie die Wahrheit über ihren Sohn nicht ertragen würde. Denn der, so deutet es Leiva Wenger an, war ein einsamer, verschrobener Verschwörungstheoretiker. Aber wer weiß das schon genau?

Was bleibt: Wie sehr Menschen nach Sinn und Bedeutung suchen, und sei es in einem öligen Song wie Journeys „Don’t Stop Believin‘“. Und großartiges Spielfutter: Bei der Lesung demonstrierte etwa Patricia Schäfer als Minna, wie viele Facetten in der Rolle stecken. Es gibt also viele gute Gründe, warum die Jury aus der Regisseurin Sapir Heller, der Dramaturgin Elvin İlhan, der Kritikerin Christiane Lutz, der Autorin Ulrike Syha und dem Leitenden Heidelberger Schauspieldramaturgen Jürgen Popig dieses Stück mit dem 5.000 Euro dotierten Internationalen Autor:innenpreis ehrt.

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