Kolumne: Arme Seelen in Not

Kolumne: Arme Seelen in Not

Es ist Advent und überall werden Weihnachtsmärchen gespielt. Wunderbar! Einige von ihnen weisen queere Spuren auf, die die Norm stören – und manchmal auch stabilisieren: als Hexen, Feen, Merjungfrauen. Und die Kinder?

Draußen ist es kalt und dunkel, da tröstet auf den Theater-, Ballett- und Opernbühnen die Gewissheit, dass am Ende alles gut wird. Landauf landab werden gerade Weihnachtsmärchen gespielt. Manche von ihnen besitzen durchaus queere Motive. Und das nicht erst seit der Erfindung des Regietheaters. In Pjotr Iljitsch Tschaikowskis „Dornröschen“-Ballett wird die böse Fee Carabosse traditionell mit einem männlichen Tänzer besetzt. Auch meine erste Knusperhexe in Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ war – gar nicht unüblich – ein Tenor. Schon beim allerersten Krippenspiel, an das ich mich erinnere, spielte ein Mädchen Herodes, und als der König einen Wutanfall hatte, funkelten seine (ihre) Ohrringe im Licht der vielen Kerzen. Das wollte ich auch!

Aber klar, heute geht im Weihnachtsmärchen viel mehr als Drag. Es liegt im Wesen der Märchen, das alles möglich ist. An ihren Rändern lauern seit jeher Grauen, Brutalität, Uneindeutigkeit – zuweilen als Angstlust, die sich im glücklichen Ende auflöst, zuweilen als kaum fassbare Strafen, bei denen Rache über Maß und Recht siegt (man denke nur an die glühenden Schuhe bei dem Grimms und die vernagelten Tonnen bei Charles Perrault). In der Verführung durch sinistre Gestalten, in den Halb- und Fabelwesen aber steckt auch eine große queere Kraft, weil sie die Norm stören, die Ordnung, die in den meisten Märchen am Ende wieder hergestellt wird.

Das greifen heute etliche Inszenierungen auf. 2022 in Zürich etwa „Es war keinmal oder: Das Märchen von der Normalität“ von Henrike Iglesias und Theater HORA, in dem der Spiegel von Schneewittchens Stiefmutter den Dienst quittiert, weil die Märchenfiguren nur noch verlogene Komplimente von ihm hören wollen. Der Abend seziert mit männlichen Königinnen und weiblichen Rittern Schönheitsnormen und -druck. Am Ende kommt der Spiegel zurück – und die Figuren üben sich in Selbstannahme.

Hexen und Feen sind ja überhaupt ziemlich queere Wesen. Abgründig. Geheimnisvoll. Zuweilen auch geschlechtlich uneindeutig. Das Aussehen der Meerhexe Ursula in „Arielle, die Meerjungfrau“ war von Dragqueen Devine inspiriert (in John-Waters-Filmen zwischen „Pink Flamingos“ und „Hairspray“ im Dauereinsatz). Wundert es, dass Ursula mit ihrer Reibeisenstimme und ihrer großen, divaesken Verführungsarie „Die arme Seelen in Not“ der mit Abstand interessanteste Charakter des Films ist? Bastian Kraft hatte das in ugly duckling am Deutschen Theater Berlin aufgegriffen, als er die beiden Coming-out-Märchen von Hans Christian Andersen miteinander kombinierte, „Die kleine Meerjungfrau“ und „Das hässliche Entlein“ – da singt Regine Zimmermann den Ursula-Song, während Dragqueen Judy LaDivina in einem herrlich absurden Tentakelfinger-Kostüm synchron die Lippen dazu bewegt.

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