Theaterkritik: Dada lebt

Theaterkritik: Dada lebt

Nach ihrem erfolgreichen Ernst-Jandl-Abend „humanistää!“ haben Claudia Bauer und Peer Baierlein sich nun einen Dada-Klassiker vorgenommen und machen am Deutschen Theater Berlinauf der Grundlage von Kurt Schwitters‘ „Ursonate“ reinstes, prallstes Musiktheater.

Wenn gefühlt jeder zweite krank ist, will man von der Bühne nicht auch noch angeniest werden. Es sei denn, dieses Niesen ist derart kunstvoll choreografiert wie hier: ein Zwitschern und Sirren, ein Tröten und Flirren, dazu zappeln die Schauspieler:innen-Glieder und flattern Papierschnitzel durch die Luft, als wären‘s weiße Blütenblätter. Sie tragen hinreißend schräg sitzende graue Anzüge und schauen uns aus ihren reichlich wimpernbetuschten, aufgerissenen Augen mit Kampfbereitschaft und Angstlust an. Und dann geht es schon wieder los: „Rakete rinnzekte“ und „fümmsböwötää“ und „Rrnnf“. Herrlich!

Natürlich konnte man ahnen, dass Claudia Bauer, Peer Baierlein und Kurt Schwitters‘ „Ursonate“ eine gute Kombination ergeben würden. Schließlich haben Regisseurin und Komponist in „humanistää!“ schon Ernst Jandls konkrete Poesie zu einem Bühnenereignis aus Rhythmus, Melodie, Sprechgesang und (Alb-)Traumchoreografie gemacht. Allerdings ist Schwitters der weitaus härtere Brocken. Sein Dada-Gedicht „Ursonate“, geschrieben 1922 bis 1932, nutzt zwar die tradierte klassische Form, zeigt aber, dass im Ersten Weltkrieg neben der politischen Ordnung auch der Glaube an Sinn und Verstand zerbröselte. Was vom hohen Ton blieb, war völlige Bedeutungslosigkeit.

Wobei: So ganz stimmt das nicht. Denn wir, das in Sinnproduktion geschulte Publikum, hören im Deutschen Theater ja doch etwas, ein „See you“, ein „Danke“, ein „Icke“ (in Berlin geht das als Selbstbezeichnung durch). Allein: Das steht so nicht im Text. „Icke“ erweist sich als „Eke“. Dennoch kann man, wenn Mareike Beykirch mit diesem Wort einen Wutausbruch bekommt, den Dirigenten mit ihren Noten bewirft, den Vorhang runter- und den Fußboden aufreißt, das natürlich als Kommentar auf Egoprobleme lesen. Wie eine Satire auf toxische Männlichkeit wirkt, als Anita Vulesica in einer Unterhose, aus der ein armseliges Würstchen lugt, sich breitbeinig in den Vordergrund krächzt und klingt wie Charles Chaplins „Der große Diktator“.

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