Kommentar: Das Experiment geht weiter

Kommentar: Das Experiment geht weiter

Barbara Mundel soll Intendantin der Münchner Kammerspiele werden

(gemeinsam mit Jürgen Reuß)

Was läuft falsch mit dem Stadttheater der Zukunft? Drei Intendanten nahmen jüngst ihren Hut, die für den Aufbruch standen. Für radikale Brüche mit der Tradition, für postdramatische, performative, immersive Formate. Für eine Erweiterung des Theaterbegriffs, für spartenübergreifendes Arbeiten, fürs Experiment. Chris Dercon musste nach nicht einmal einer Spielzeit an der Berliner Volksbühne gehen, Tomas Zierhofer-Kin nach zwei bei den Wiener Festwochen, Matthias Lilienthal kündigte seinen Rückzug von den Münchner Kammerspielen an, nachdem klar war, dass der Stadtrat ihn über seine fünf Jahre hinaus nicht verlängern würde.

Ist das ein Backlash?, fragte Kulturjournalist und nachtkritik.de-Autor Falk Schreiber auf Twitter. Schließlich stellte Zierhofer-Kin die Wiener Festwochen, vorher eher auf prominente Gastspiele und Koproduktionen abonniert, in queere, postkoloniale, postmigrantische Kontexte. Chris Dercon wollte in seiner Volksbühne Spartengrenzen einreißen, sie international vernetzen, den Repertoirebegriff erweitern. Matthias Lilienthal integrierte in sein Ensemble sowohl Schauspieler als auch Performer aus aller Welt, zeigte Musiktheater, außereuropäische Perspektiven, mischte Hoch- und Popkultur, setzte auf weibliche, auch schwarze Perspektiven. Alles progressive, ja linke Positionen. Haben die sich jetzt überholt?

Nein. Denn die Gründe für das Ende der jeweiligen Intendanz sind sehr individuell: Dercon scheiterte am Dilettantismus – der eigenen wie der Berliner Kulturpolitik. Zierhofer-Kin ignorierte offenbar die seit Horaz gültige Binse, dass ein Publikum nicht nur belehrt, sondern auch unterhalten sein will und die Tatsache, dass man mit Abgehangenem aus München und Hamburg (Ersan Mondtags Orestie, Susanne Kennedys Selbstmord-Schwestern, Christoph Marthalers Tiefer Schweb) kein verlorenes Stammpublikum zurückgewinnt. Und Lilienthal würde in München weitermachen, hätten sich nicht die politischen Machtverhältnisse in der Stadt von Rot-Grün zu Rot-Schwarz verschoben.

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