Opernkritik: Beerdigung erster Klasse

Opernkritik: Beerdigung erster Klasse

Große Stimmen, ein verschwenderisch aufspielendes Orchester, eine klare Bühnensetzung. Nur Regisseur Ole Anders Tandberg versagt.

Was läuft mit diesem Wozzeck falsch? Tapst gemütvoll, ein wenig unbeholfen über die Bühne in seinem schicken blauen Anzug, beugt sich brav den Demütigungen von Arzt und Hauptmann und kassiert dafür Scheine, die er souverän wegsteckt. Bei seiner Marie aber drückt er sich um die Ecken, als hätte er was zu verbergen und nicht sie. Zu seinem Kind, das meist mit auf der Bühne sitzt, scheint er gar keine Beziehung zu haben. Was ist mit ihm los, was treibt ihn um – bis hin zum Mord an Marie?

Man weiß es auch nach diesem Abend nicht. Seht her, ein Mensch!, sagt Regisseur Ole Anders Tandberg an der Deutschen Oper – und zeigt auf dem Vorhang, der die einzelnen Bilder voneinander trennt, in schwarzweißer Großaufnahme den Kopf von Wozzeck-Sänger Johan Reuter. Er schaut bloß, blinzelt; kaum, dass mal ein Zucken durch sein Gesicht geht.

Dass dieser durchaus warme Blick ins Publikum schon zu den berührendsten Momenten des Abends gehört, ist allerdings ein Problem. Denn Alban Bergs 1925 in Berlin uraufgeführter „Wozzeck“ ist ja nicht nur die erste abendfüllende atonale Oper, ein Meilenstein der Musikgeschichte. Sondern ein zutiefst aufwühlendes Werk über einen an den Rand Gedrängten, unter Druck Gesetzten, der das Wenige, was er hat, zu verlieren droht – und deshalb zum Mörder wird. Berg hat dazu Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ vertont, das selbst in der entstellten Fassung (Erstherausgeber Karl Emil Franzos hatte die losen Szenen zu einem geschlossenen Werk zusammengestoppelt, selbst Etliches hinzugefügt und auch den titelgebenden Namen falsch entziffert) noch beeindruckt.

Was aber die Deutsche Oper hier veranstaltet, ist eine Beerdigung erster Klasse. Es ist ja alles da: große Stimmen, ein verschwenderisch aufspielendes Orchester, eine klare Bühnensetzung. Der Saal mit Bar und Tischen ist nach hinten hin offen, da sieht man Märsche, Himmelsfarbenkitsch, schließlich die Kinder. Nur geht diesmal Tandbergs Konzept, den Stoff in einer konkreten Gegenwart zu verorten, so gar nicht auf. Seiner Inszenierung von „Lady Macbeth von Mzensk“ war der Transfer in ein nordisches Fischerdorf noch ziemlich gut bekommen, ebenso „Carmen“ die Verlagerung zu Drogenschmugglern nach Mexiko. Indem Tandberg „Wozzeck“ aber in einem Café am norwegischen Unabhängigkeitstag spielen und seinen wohlgenährten Protagonisten in einem schicken Anzug herumlaufen lässt, ebnet er alle gesellschaftlichen Unterschiede ein.

Auch surreale Albernheiten, die man ihm sonst hat durchgehen lassen, weil sie – etwa im Fall von „Carmen“ – den Humor ins Drama zurückbrachten, wirken hier schlicht dämlich, wenn Wozzeck zu Beginn nicht den Bart des Hauptmanns, sondern die Genitalbereiche mehrerer Soldaten rasiert. Interessant allenfalls die Idee, den Narr (Andrew Dickinson trotzt der Minirolle mit herrlich weichen Tenortönen einen prägnanten Auftritt ab) in Kleid und Perücke zu einem weiteren Außenseiter aufzuwerten, an dem Wozzeck seine aufgestaute Wut abreagiert.

Eine behauptete Wut. Johan Reuter wirkt selten erregt, scheint alles in sich zu verschließen. Selbst der Mord sieht aus wie eine rein technische Verrichtung. Ungemein voll klingt sein Bariton, wenn er dazu von seinem Leid singt, samtig, weich. Das strömt herrlich, steuert aber souverän an dem vorbei, was diese Rolle ausmacht. Ähnlich Elena Zhidkovas Marie: Ihre Stimme ist betörender Wohlklang, sie malt herrliche Gesangslinien in den Raum. Aber was man hört und sieht, ist Opernkonvention, hat mit diesem grenzsprengenden Werk, dieser Rolle am Abgrund nichts zu tun. Zwar bleiben der Hauptmann – Burkhart Ulrich führt fiese Spitzentöne spazieren – und der Doktor – Seth Carico demonstriert wieder einmal die vielen Farben seines Bassbaritons – Klischees, kommen aber in diesen Zuspitzungen der Wahrheit näher als die Hauptrollen. Wobei man es auch da übertreiben kann: Der sadistische Arzt trennt erst einem von Wozzeck gefangenen Lurch das Bein ab, später dann seinen eigenen Finger. Ein bisschen arg plakativ ist diese Botschaft: Nicht Wozzeck ist der Sadistische, Verrückte, sondern die Gesellschaft drum herum.

Donald Runnicles’ Dirigat hat durchaus seine Qualitäten. Man hört äußert plastisch, was im Graben vor sich geht. Die lautmalerischen Momente formuliert das Orchester der Deutschen Oper geradezu spätromantisch breit aus: den flüsternden Nachtwind, die Unkenrufe, den Aufschrei der Natur. Plötzlich merkt man, wie nah die irrlichternden Festklänge, die Walzer- und Marschparodien, die explodierenden Volkslieder bei Richard Strauss und Gustav Mahler sind. Allerdings wirkt auch dieser Klangzauber zu satt – und markerschütternde Kontraste wie der, dass nach dem Mord das Orchester zur Tonalität zurückfindet, gehen dadurch beinahe unter.

2011 hatten Daniel Barenboim und Andrea Breth „Wozzeck“ an der Staatsoper herausgebracht, karg, grau, auf die (un)menschlichen Grundkonstellationen reduziert. Barenboims böse skelettierte Orchestergeisterstunde und Roman Trekels fahler Bariton klangen erschreckend abgründig. Das war auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber doch wesentlich näher am Kern des Werks als diese Tandberg’sche Opern-Sattheit.

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