Opernkritik: Funkelnde Seelenabgründe

Opernkritik: Funkelnde Seelenabgründe

„Der Rosenkavalier“ an der Staatsoper schwelgt opulent in Farben und Klängen

Auch künstliche Blumen können größte Wirkung erzielen. Wie die silberne Rose, die Oktavian Sophie übergibt. Oder wie die Papierblumen, die im ersten Akt wuchern: Mitten im Chaos, das im Schlafzimmer der Feldmarschallin Werdenberg herrscht, weil Bittsteller, Boten und Personal durcheinanderwuseln, preist ein Sänger in wonnesüßen Tönen den vergeblichen Widerstand gegen die Liebe. Ein alter Mann mit spitzem weißen Hut lässt dazu wie durch Zauberhand Papierkunstwerke in die Höhe schießen und erblühen.

Ein magischer Moment, der so nicht in Hugo von Hofmannsthals Libretto zu Richard Strauss „Der Rosenkavalier“ von 1911 steht. Multimediakünstler und Chansonier André Heller hat ihn an der Staatsoper inszeniert, seiner zweiten Opernregie überhaupt. Eigentlich hält er sich als Hofmannsthal-Fan genau ans Textbuch: Nahezu jeder Gang, jeder Blick, jedes Detail findet sich auf der Bühne wieder. Nur dass er und seine ähnlich prominenten Ausstatter – Künstlerin Xenia Hausner schuf die Bühne, Arthur Arbesser die Kostüme – die Handlung vom fiktiven Rokoko in die Entstehungszeit der Oper verlegen. Das Schlafgemach der Marschallin blüht in schönster Japan-Exotik, der Salon bei Faninal wirkt wie ein protziges Klimt-Museum (der sich auch selbst unter die Gäste mischt) und das Wirtshaus ist ein dunkel glühendes Palmenhaus, in dem die Gäste mit Zelt und Sitzkissen in einen unbestimmbaren Orient entführt werden. Zusammengehalten wird das alles durch Anleihen an die Wiener Werkstätten, die eine Art geometrischen Jugendstil entwickelten.

Prachtvoll sieht das aus und passt auch, weil die Gefühlslagen der Figuren ja nicht unbedingt barock, sondern jahrhundertwendehaft kompliziert sind: Die verheiratete Marschallin liebt den viel jüngeren Oktavian, begreift aber, dass die gemeinsame Zeit bald vorbei ist. Oktavian verliebt sich parallel in Sophie, ist aber eigentlich nur der Bote. Baron Ochs auf Lerchenau will Sophie vor allem wegen des Geldes heiraten. Während die Macht des Adels bröckelt, sich eine Zeitenwende ankündigt, löst sich das Neue in dieser vertrackten Komödie im Gefühl ein: Weil die Marschallin zurücktritt, den Weg frei macht, kann hier endlich mal zusammenkommen, was zumindest eine reelle Chance hat, ein glückliches Paar zu werden.

Heller glaubt an die alles verwandelnde Kraft der Kunst. Das merkt man, wenn er vom Textbuch abweicht. Oder wenn er sehr genau wird in der manchmal etwas planlos wirkenden Figurenführung. Etwa wenn die Marschallin von der verrinnenden Zeit singt. Da lässt Camilla Nylund alle Masken und Manierismen fallen und den Schmerz mit jeder kleinsten Gesichtsregung zu, den die Erkenntnis des Alterns bereitet. In diesen Momenten – es sind die berühmten Höhepunkte der Oper – ist es, als ob alle Beteiligten ihren Fokus scharfstellten: Nylunds herrlich weit schwingender, strahlender Sopran klingt plötzlich zugleich fahl und abgründig, und wenn sie wenig später von der Rose singt, die Oktavian überbringen soll, dann liegt in diesem langen O so viel Wehmut, dass es einem das Herz zerreißt.

Die Musik blickt hier in Seelen-Abgründe, die faszinierend funkeln, transzendiert philosophische Fragen. Es sind diese Momente, in denen die Staatskapelle so genau und klar klingt, als dirigiere Zubin Mehta mit dem Seziermesser. Auch die Klangräusche blühen herrlich vielfarbig auf. Anderes aber verschenkt das Orchester, etwa die merkwürdig verwaschene Ouvertüre, als müssten sich alle im Graben erst allmählich an einen gemeinsamen Klang herantasten. Überhaupt bekommt der Komödie Mehtas langsames Tempo gerade im ersten Akt nur bedingt.

Dass ausgerechnet die Komödienmomente schwächeln, liegt auch an Hellers Regie, der trotz (oder vielleicht wegen) der Unterstützung des Profis Wolfgang Schilly über weite Strecken eine etwas derbe, hysterische Operette inszeniert und seine Figuren auch mal etwas achtlos in der Gegend herumstehen lässt. Das fällt bei dieser Traumbesetzung allerdings nur bedingt ins Gewicht. Denn der Ochs ist hier kein polternder Schmerbauch, sondern Günther Groissböck, vermutlich der beste Ochs der Gegenwart, ein viriler Don Juan ohne Manieren, aber doch mit erstaunlich viel Erotik in Haltung und Stimme. Diese sonore Mittellage! Diese Textdurchdringung! Diese raumgreifende Körperlichkeit! Was Ochs’ Übergriffe auf vornehmlich sehr junge Frauen, sein Geraune und Gefummel nur noch schlimmer macht: ein klarer Fall von #MeToo.

Wie schön, dass Nadine Sierras Sophie dem ziemlich entschieden entgegentritt. Anfangs ist sie noch ein aufgeregtes junges Ding in Bonbon-Verpackung, dann sehen wir ihr beim Erwachsenwerden im Zeitraffer zu. Herrlich mühelos klingt ihr jungendlicher Sopran, ein einziges Jauchzen und Flehen, das sich äußerst harmonisch mit Michèle Losiers zunehmend aufblühenden Mezzo vereint, um beim Schlussduett die Zeit stillstehen zu lassen. Stimmlich ist dieser „Rosenkavalier“ ein Fest. Szenisch wirkt er ein bisschen wie die Blume aus Papier: Vielleicht keine ganz große Kunst. Aber für den Moment ganz hübsch.