Essay: Von vorne, von hinten

Essay: Von vorne, von hinten

Wie queer ist die Operette? Kulturjournalist Georg Kasch macht sich auf historische Spurensuche queerer Wirkungen in der Gattung von Jacques Offenbach im 19. Jahrhundert bis zum Kollektiv tutti d*amore

Manchmal braucht es nur eine Doppeldeutigkeit, um die Verhältnisse ins Wanken zu bringen. In Oscar Straus‘ „Die lustigen Nibelungen“, die neben dem mittelalterlichen Mythos und Richard Wagners „Ring“-Zyklus auch den damit einhergehenden Germanentaumel durch den Kakao zieht, verrät Kriemhild singend das Geheimnis, wo ihr Gatte seinen wunden Punkt hat: „Von vorne, von vorne, da ist er ganz von Horne – von hinten, von hinten kann man ihn überwinden…“ Man kann das als eine schmissige Variante der vom Drachenblut unbedeckten Schulterstelle lesen. Vermutlich aber liegt auch nicht verkehrt, wer hier an eine schwule Sexpraktik denkt.

Wie queer ist die Operette? Wenn man an die Werke und Inszenierungen denkt, die in der Nachkriegszeit und noch bis in die 2000er Jahre die Stadttheater-Spielpläne beherrschten, muss man sagen: Es geht so. Etliche von ihnen waren zu einem gewissen Grad camp, gerade dann, wenn die lokale Diva in der weiblichen Hauptrolle sich selbst übertraf, als Hanna Glawary, Sylvia Varescu, Adele von Eisenstein, ausstaffiert mit Cul de Paris, Fächer, Federschmuck und offensichtlich in Champagnerlaune. Allerdings musste man all die Chauvinismen drum herum schon gehörig ignorieren.

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